Profile der 1970er Jahre

Ein Themenportal des Seminars für Zeitgeschichte Tübingen

Bildungspolitik - Seite 2

Die sozialliberale Koalition unter Brandt nahm sich darüber hinaus der Ausbildungsfinanzierung an und erließ 1971 das unter der Abkürzung BAFöG bekannt gewordene Bundesausbildungsförderungsgesetz, das im folgenden Jahr durch ein Graduiertenförderungsgesetz ergänzt wurde. In Folge dieser staatlichen Finanzierungshilfen für die Aufnahme eines Studiums kam es zu einer wahren "Explosion der Kapazitäten" (Rödder, S. 44), die mit einer rapide ansteigenden Zahl an Schülern, Studenten und Lehrern korrespondierte. Durch den Ausbau und die Neugründung verschiedener Hochschulen - die Universitäten Bochum, Bielefeld, Bremen und Konstanz wurden gegründet und zahlreiche andere erweitert - stiegen die Studierendenzahlen und das Studienplatzangebot zwischen 1960 und 1975 um das Doppelte. Darüber hinaus wurden neue Hochschulformen eingeführt, um die zunehmenden Zahl an Abiturienten (1960: 5,9 %; 1970: 9,2%; 1979: 14,7%) aufzunehmen. Seit 1968/69 gab es die Möglichkeit des Studiums an berufsbezogenen Fachhochschulen, Hessen und Nordrhein-Westfalen boten zudem seit 1971 (NRW 1972) die Möglichkeit eines ausbildungsübergreifenden Studiums an Gesamthochschulen. Diesem Konzept folgte ab 1975 auch die Fernuniversität Hagen.

Als Zenith und gleichzeitig letzte der Bildungsreformen kann das im Januar 1976 von der Regierung Schmidt erlassene Hochschulrahmengesetz angesehen werden, welches unter anderem Aufgaben der Hochschule und die Zulassung zum Studium definierte, jedoch durch die deutliche Stärkung der Professoren gegenüber Studierenden und anderen Hochschulmitarbeitern bereits gleichzeitig einen ersten Bruch mit den zuvor bestimmenden Partizipationsprinzipien darstellt.

Schulpolitik

Die Erfüllung eines Grundrechtes auf Bildung, wie es Dahrendorf programmatisch eingefordert hatte, erhob die Reform des Schulwesens zu einem zentralen Anliegen der Demokratisierungsbemühungen im Bildungsbereich. Während es über die quantitativen Reformen im Sinne einer Erhöhung der Kapazitäten einen parteiübergreifenden Konsens gab, entfachten sich heftige Diskussionen an der Frage nach Lernzielen und Bildungsinhalten. In einem "fanatisch geführten Kulturkampf" (Rödder, S. 45) wurde vor allem um die Themenbereiche Gesamtschule, Orientierungsstufe, Lehrerbildung und Hochschulmitbestimmung gestritten. Die neuen Ansätze in der Schulpolitik hatten dabei zwei zentrale Zielvorgaben: Einerseits sollte die Chancengleichheit aller Schüler gewährleistet werden, andererseits sollten diese Schüler mittels der neuen Richtlinien zu "mündigen Bürgern" erzogen werden. Im Vergleich zu der vorübergehend stark vom Bund beeinflussten Hochschulpolitik lag die Initiative in Sachen Schulreform vor allem bei den Bundesländern. Die Diskussion wurde angestoßen durch die hessischen Rahmenrichtlinien für Deutsch und Gesellschaftslehre von 1972, maßgeblich verfasst von dem sozialdemokratischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg. Sein Ziel war es, vor allem Kritik- und Konfliktaustragungsfähigkeiten der Schüler zu fördern, um so auf Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu reagieren. Die neuen lernzielorientierten Rahmenrichtlinien für die Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre waren von den Sozialisations- und Kommunikationstheorien der Frankfurter Schule geprägt, denen sich v. Friedeburg als Soziologe besonders verpflichtet fühlte. Heftige Reaktionen riefen seine Pläne insbesondere deshalb hervor, weil Hochdeutsch als verpflichtende Schulsprache hinterfragt wurde, was unter anderem Golo Mann als den "totalen Bruch mit aller Schulvergangenheit" wertete (Golo Mann, in: "Die Zeit" vom 14.12.1973, S. 18). Die Diskussion um die Reform der Lernziele wurde also schon von den Zeitgenossen als Konfrontation von humanistischem Bildungsideal und Emanzipationspädagogik interpretiert.

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